Stars 2026.01.12

Oliver Pongratz: „Der Athlet muss im Mittelpunkt stehen, nicht das System“

Oliver Pongratz: „Der Athlet muss im Mittelpunkt stehen, nicht das System“
Oliver Pongratz [Foto/Archiv: BadmintonPhoto]
Von Redaktion
Oliver Pongratz (52) wechselt ab Februar vom Deutschen Badminton-Verband nach Schweden und übernimmt dort die Doppelfunktion als Cheftrainer und Sportdirektor. Am Elite-Center in Uppsala liegt sein Schwerpunkt auf der Trainingsarbeit sowie auf Planung, Athletenauswahl und Betreuung.
Den Abschied vom DBV begründet Pongratz im Interview mit badzine.de neben familiären Gründen auch mit inhaltlichen Differenzen.

badzine.de: Oliver, neuer Posten in Schweden. Was sind Deine künftigen Aufgaben beim schwedischen Badminton-Verband?

Oliver Pongratz Meine neue Stelle in Schweden vereint die Cheftrainer-Stelle mit der des Sportdirektors. Wobei die tägliche Trainingsarbeit und die Betreuung auf den Turnieren absolute Priorität hat. Zu meinen Hauptaufgaben zählen sicherlich die komplette Planung am Elite-Center in Uppsala, die komplette Turnierplanung, die Verantwortlichkeit für die Trainer am Elite Center. Weitere Aufgaben werden sein, die Auswahl der Athleten welche am Elite Center trainieren sowie die Verteilung individueller Budgets wie auch die Planung und das Management von z.B. dem Athletikbereich oder der medizinischen Betreuung.

badzine.de: Was hat zur Kündigung beim DBV bzw. beim Bundesstützpunkt in Hamburg geführt?

Pongratz: Jeder, der unsere familiäre Situation kennt, weiß, dass ein Teil (meine Frau und zwei unserer Kinder) in Schweden leben und wir nun seit drei Jahren regelmäßig zwischen Hamburg und Stockholm pendeln. Das Angebot der Stelle als Cheftrainer/Sportdirektor war sicher auch ein Grund, um uns als Familie wieder zusammenzubringen. Aber auch eine neue sportliche Herausforderung, die diese Stelle mit sich bringt, hat mich dazu bewogen, diesen Schritt zu gehen.
Um ehrlich zu sein gibt es viele Dinge, mit denen ich mich nicht mehr identifizieren konnte.
Oliver Pongratz

Ich kenne Schweden, ich kenne noch viele Spieler, bin mit dem Umfeld vertraut. Ein Hauptgrund war aber sicherlich auch die Situation mit und beim DBV. Um ehrlich zu sein gibt es viele Dinge, mit denen ich mich nicht mehr identifizieren konnte. Allen voran meine ich hier den Umgang und die Kommunikation bei dem Wechsel von Yvonne Li zum BSP Hamburg. Wie hier teilweise von allen Ebenen mit unserer Top-Athletin im Dameneinzel umgegangen und kommuniziert wurde, kann ich nicht für gut heißen. Aber auch das Gefühl, dass man als Trainer dieser Athletin, mit der man täglich auf dem Feld steht, sie besser als viele andere kennt, nicht wirklich als ihr offizieller Trainer existiert und man phasenweise einen Mantel des Schweigens über diese Situation gelegt hat, gab mir doch schon sehr zu denken. Auch der Strukturwechsel der Stützpunkte wie auch die Kaderstrukturen entsprechen nicht unbedingt meinem Bild von Weiterentwicklung, um die Top-20 zu erreichen.

Auch die Kommunikation und der Umgang mit dem Stützpunkt Hamburg als einen von drei BSP’s war nicht das, was ich mir vorstelle, um Leute zu motivieren oder aber auch eine gewisse Wertschätzung entgegenzubringen.

badzine.de: Wie blickst Du auf deine zweite Amtszeit beim DBV zurück?

Pongratz: Ich mache diesen Job hier in Hamburg sehr, sehr gerne. Ich liebe es mit dem gesamten Team hier unsere Jugendlichen weiterzuentwickeln und sie jeden Tag ein wenig besser zu machen. Ich hatte hier Verantwortung für einen sehr wichtigen Bereich im Leistungssport. Ich habe es sicherlich ausschließlich für die Athleten und Athletinnen gemacht!

badzine.de: Wie siehst Du die Entwicklung des deutschen Badmintonsports?

Pongratz: Ich glaube, man muss den Fokus auf Leistungsbadminton - speziell im Training - schon sehr viel früher (U9/U11) legen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen, hinken wir momentan bei U19 wie auch O19 international weit hinterher, was aufzeigt, dass man mit den Strukturen und auch Personal in den letzten Jahren nicht die besten Entscheidungen getroffen hatte.

Es gibt sicherlich gute Ansätze, auch im U19-Bereich. Aber auch hier muss Platz für Individualität sein. Der Athlet muss im Mittelpunkt stehen, nicht das System! Auch eine viel zu hohe Drop Out-Quote tragen nicht unbedingt zu einer besseren Entwicklung bei. Hier muss man sich in erster Linie selbst an die Nase fassen. Unsere Strukturen und unser Personal hinterfragen, aber auch, ob und welche Perspektive wir den Athleten vermitteln.

badzine.de: Wie steht es um das schwedische Badminton? Die Glanzzeiten in den 90er-Jahren mit PG Jönsson, Axelsson, Jens Olsson, etc. sind ja auch längst vorüber. Wo setzt der Verband an?

Pongratz: Das stimmt! Die Glanzzeiten, die Schweden zu meiner aktiven Karriere erlebt hat, sind vorbei. Und der Verband konnte hier seitdem auch nicht mehr anknüpfen. Ein solcher Prozess dauert, bedarf Geduld aber auch das richtige Personal und die richtigen Strukturen. Ich glaube dass wir versuchen werden, weg von zu starren Strukturen zu gehen und mehr Individualität im persönlichen Umfeld der Athleten zu unterstützen. Die Trainer-Ausbildung spielt sicherlich auch eine zentrale Rolle. Weniger Bürokratie, hin zu klaren, einfachen und transparenten Strukturen. Aber allen voran den Athleten das Gefühl und Vertrauen zu geben und auch zu zeigen, dass der Verband alles versucht, um jeden Einzelnen individuell bestmöglich zu unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch!



Die besten Wettanbieter

Anzeige


Anzeige