International 2021.04.25

'Es geht drunter und drüber'

'Es geht drunter und drüber'
Max Weißkirchen [Foto/Archiv: BadmintonPhoto]
Von Bernd-Volker Brahms
Die deutschen Stars Max Weißkirchen, Kai Schäfer und Yvonne Li sprechen über das chaotische Ende der Olympiaqualifikation.
Drei Monate vor dem geplanten Beginn der Olympischen Spiele in Tokio (23. Juli – 8. August) ist die Verunsicherung unter den Athleten groß. Es stehen nur noch einige verbliebene Qualifikationsturniere an, zuletzt wurden mehrere abgesagt. „Wir leben in einer Ungewissheit“, sagt die zweifache deutsche Meisterin Yvonne Li (Union Lüdinghausen). Die 22-Jährige steht kurz davor, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Ein gewisses Unbehagen schwinge allemal mit. „Es wird nicht das Turnier werden, wie man es sich von Kindheit an erträumt hat“, sagt Yvonne Li.

„Für mich ist das noch weit weg“, gibt Kai Schäfer (Fun Ball Dortelweil) zu. Der 27-Jährige ist sogar ganz froh, dass die Qualifikation nicht mit Volldampf zu Ende geht. Er musste sich einer Augen-OP unterziehen und ist froh, dass er das überstanden hat. Als Nummer 27 der „bereinigten Weltrangliste“ hat er momentan einen Startplatz für Tokio sicher. Bereinigt heißt, dass alle nicht qualifizierten Spieler schon aus der Liste gestrichen sind. In der regulären Rangliste liegt Schäfer auf Platz 65. Ihm sitzt der zweifache deutsche Meister Max Weißkirchen (SC Union Lüdinghausen) auf den Fersen, dieser ist Nummer 93. „Die Chancen sind da“, sagt der 24-jährige Max Weißkirchen. Der ehemalige Bonner hatte einen Riesenlauf, als im März des vergangenen Jahres die Quali-Weltrangliste eingefroren wurde. Er hatte gerade die Austrian Open gewonnen. Er will sich aber nicht mehr zu sehr unter Druck setzen. „Ich habe immer gesagt, dass ich 2024 in Paris dabei sein will“.

Die wiederaufgenommene Olympiaqualifikation habe zu einer Wettbewerbsverzerrung geführt, sagt Weißkirchen. Die Spieler würden einfach nicht mehr wissen, welche Turniere stattfinden und ob man am Ende überhaupt teilnehmen könne. „Es geht drunter und drüber“, sagt er. Als ein Beispiel für eine erzwungene Nichtteilnahme nennt er das deutsche Mixed Mark Lamsfuß und Isabel Herttrich, die vor kurzem in Orleans nicht mehr antreten durften, als ein Trainingspartner positiv auf Corona getestet worden war.

Ob am Ende wirklich die besten Spieler dabei sein werden, müsse in Frage gestellt werden, sagt Weißkirchen. „Für die Sportler ist es blöd, wir wissen nicht mal, ob die Olympischen Spiele stattfinden.“ In Tokio wurde - aufgrund gestiegener Inzidenzwerte gerade erst erneut der Notstand ausgerufen. IOC-Präsident Thomas Bach äußerte parallel, dass die Spiele in Tokio, „die bestorganisiertesten aller Zeiten“ werden würden.

Max Weißkirchen selbst hat sich mittlerweile von einer eigenen Corona-Erkrankung erholt, die er unmittelbar nach den SaarLorLux Open in Saarbücken im November auf nicht geklärtem Weg bekommen hat. „Ich kann immer noch nichts riechen“, sagt er zu den Folgeerscheinungen. Einen Monat habe er nichts machen können, der Einstieg ins Badmintontraining sei „hart“ gewesen. Das Training am Olympiastützpunkt in Mülheim sei in den vergangenen Wochen nun aber normal verlaufen. „Wir tragen Masken, wenn wir nicht auf dem Feld sind, und halten Abstand“, sagt Weißkirchen. Dass es schon länger eine Ausgangssperre für die Abend- und Nachstunden in Mülheim gibt, tangiert ihn nicht. „Dann bin ich eh Zuhause“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Dadurch, dass zuletzt immer mehr Turniere der Olympia-Qualifikation abgesagt werden mussten, bekommt die Europameisterschaft in Kiew (Ukraine), die an diesem Dienstag beginnt, eine sehr große Bedeutung. Allerdings haben beide deutschen Herreneinzelspieler eine denkbare schwierige Aufgabe zugelost bekommen. Nach dem Auftaktmatch gegen den Belgier Maxime Moreels könnte auf Max Weißkirchen der Ex-Weltmeister und der derzeit in Topform agierende Viktor Axelsen aus Dänemark warten. Kai Schäfer muss bereits im Auftaktspiel gegen den Dänen Anders Antonsen antreten.

Olympiaaspirant Kai Schäfer hatte sogar für die India Open gemeldet, die Mitte Mai als eines von wenigen verbliebenen Großturnieren in Neu-Delhi hätte stattfinden sollen und mittlerweile abgesagt wurde. „Unter dem Gesundheitsaspekt ist das schon längst alles grenzwertig“, sagt Schäfer. „Ich verstehe, dass man sich bei der BWF stark bemüht hat, die unterbrochene Qualifikation noch einmal fortzusetzen. Natürlich hätte man die eingefrorene Rangliste von März 2020 als Qualifikationsrangliste nehmen können, dass wäre dann aber ein Leistungsstand anderthalb Jahre vor den Olympischen Spielen gewesen“, sagt Schäfer. „Eine faire Lösung für alle war unter den gegebenen Umständen nicht hinzubekommen“, sagt er.

Als große Turniere verbleiben nun nur noch die Malaysia Open und die Singapur Open. Turniere in Russland und auch in Indonesien wurden gerade erst abgesagt. Damit ist nicht einmal mehr klar, mit welchem Turnier die Qualifikation überhaupt zu Ende geht. Eigentlich sollte dies nach den Indonesia Open (Super 1000, 8-13. Juni) sein. Nun sind die Singapur Open (Super 500), die vom 1.-6. Juni stattfinden sollen, das letzte Turnier im Quali-Kalender.

„Ich habe weder für Malaysia noch Singapur gemeldet“, sagt Max Weißkirchen. Er werde noch einmal versuchen, in Spanien (Super 300, 18.-23. Mai) Punkte zu sammeln. Kai Schäfer hatte bei den parallel in Indien geplanten und nunmehr abgesagten höherdotierten Turnier gemeldet. Ein Nachmelden für Spanien ist nicht mehr möglich.

Auch Yvonne Li hat schon weit im Vorfeld die Turniere in Asien für sich gestrichen. „Das war alles nicht sinnvoll“, sagt sie. Allein Indien sei ihr aus gesundheitlichen Gründen zu heikel gewesen. Für Malaysia und Singapur ist eine Anreise sieben Tage vor Turnierbeginn erforderlich. „Und dann kommt man aus dem Hotelzimmer nicht raus.“

Sie sei froh, dass sie unter den gegebenen Umstände Ende des vergangenen Jahres und in diesem Jahr sogar einige Matchpraxis bekommen hat. Bei den Denmark Open im Herbst konnte sie ins Halbfinale kommen und in Saarbrücken sogar das Finale erreichen. „Ich bin jetzt in den Top-30 und komme auch bei den großen Turnieren ins Hauptfeld, das ist ein weiterer Schritt für mich“. Bei der EM in Kiew in dieser Woche ist sie an Position drei gesetzt und könnte im Halbfinale auf Vierfach-Champion Carolina Marin aus Spanien treffen.

Und so sieht die Olympia-Quali kurz vor Ablauf für den Deutschen Badminton Verband (DBV) aus: Aller Voraussicht wird der Verband in Tokio mit fünf Akteuren wie folgt vertreten sein. Dies sind im Herreneinzel (Kai Schäfer oder Max Weißkirchen), im Dameneinzel (Yvonne Li), im Herrendoppel (Mark Lamsfuß/Marvin Seidel) und im Mixed (Mark Lamsfuß/Isabel Herttrich). Im Damendoppel dürfte es für Isabel Herttrich und Linda Efler nicht reichen. Sie sind auf Rang 30 der Qualifikationsrangliste. Sie müssten eine englische Paarung auf Rang 17 überholen.





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