National 2021.04.28

'Die Leute wollen spielen'

'Die Leute wollen spielen'
Marc Zwiebler [Foto: Stefanie Ramm]
Von Bernd-Volker Brahms
Der ehemalige Weltklassespieler Marc Zwiebler hat als Athletenvertreter des Weltverbandes BWF in den vergangenen 14 Monaten die turbulenten Corona-Entscheidungen nicht nur verfolgt, sondern war in die Entscheidungsprozesse involviert. Mit Hinblick auf die Olympischen Spiele beschleichen ihn nach eigenen Worten allerdings mulmige Gefühle.
Vor drei Jahren hat Marc Zwiebler seinen Schläger an den Nagel gehängt. Trotzdem ist der 37-Jährige noch voll in die Badminton-Szene integriert und verfolgt den Endspurt der Olympiaqualifikation mit gemischten Gefühlen. „Die Spieler wollen sehr gerne, dass die Olympischen Spielen stattfinden“, sagt der ehemalige Bonner, der heute in Berlin lebt und die Software-Firma Kurabu mit verantwortet. Für die meisten Sportler sei es der Höhepunkt ihrer Karriere, doch angesichts der steigenden Gesundheitsgefahren relativiere sich das. „Wenn man sich die Schlagzeilen aus Indien anschaut, dann wird einem schon ein wenig anders“, sagt Zwiebler. Dort ist unter anderem eine neue Virus-Mutante aufgetreten. Die Badminton India Open, die in zwei Wochen in Neu Delhi ausgetragen werden sollten, wurden abgesagt.

Der neunfache deutsche Meister hat nicht nur den Sprung ins Berufsleben geschafft, er ist auch immer noch als Athletenvertreter in mehreren Gremien vertreten. Zuvorderst als Vorsitzender der Athleten-Kommission der Badminton World Federation (BWF). In seiner Funktion gehört er auch zum Council des Weltverbandes und hat in den vergangenen Monaten hautnah mitbekommen, wie die Verantwortlichen in der Zentrale in Kuala Lumpur (Malaysia) für die Rückkehr des Badmintonsportes in den internationalen Turnierkalender gekämpft haben. „Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie Entscheidungen getroffen werden“, sagt er. Fast wöchentlich ist er bei Video-Meetings mit dabei.

Als vor 14 Monaten die Weltrangliste ausgesetzt und damit „eingefroren“ wurde, habe niemand damit rechnen können, dass sich das bis in 2021 hineinziehen werde. Natürlich sei die momentane Situation ungünstig, sagt Zwiebler, der selbst dreimal bei Olympischen Spielen im Herreneinzel dabei war. Individuell können sich bestimmte Entscheidungen während der Olympiaqualifikation als schlimm erweisen. Trotzdem: „Es wird alles dafür getan, dass es so fair wie möglich abläuft“, sagt Zwiebler.

Es habe Anfang des Jahres große Hoffnungen gegeben, als in Bangkok drei große Turniere inklusive des World Tour Finals ausgetragen wurden und damit auch noch reichlich Preisgeld unter die Spieler gebracht wurde. „Die Leute wollen spielen“, weiß Zwiebler aus vielen Gesprächen mit Profis aus verschiedenen Nationen. Es gebe auch Ängste, aber am Ende gehören Olympischen Spiele zum Highlight vieler Sportlerleben.

Es habe viel positives Feedback nach dem 'Asian Leg' gegeben, sagt er. Es sei höchster Aufwand betrieben worden, um die Turniere unter höchsten Hygienestandards ablaufen zu lassen. Es habe in den drei Wochen keinen einzigen Corona-Fall vor Ort gegeben. Das habe beflügelt, dann auch im März die Olympiaqualifikation wieder aufzunehmen. „Natürlich hätte man entscheiden können, die eingefrorene Weltrangliste zur Quali-Rangliste zu machen“, sagt Zwiebler. Auch um es fair zu gestalten, wollte man aber die Qualifikation regulär zu Ende bringen.

Mittlerweile ist reichlich Sand ins Getriebe geraten, bei den Turnieren sind immer wieder Corona-Fälle aufgetreten. Viele Veranstaltungen, wie auch die YONEX German Open, mussten kurzfristig abgesagt werden. „Da ist die BWF aber auch immer von den nationalen Ausrichtern abhängig“, sagt Zwiebler. Und: „Was wäre die Alternative gewesen“, fragt der ehemalige Weltklassespieler und Europameister. Man habe das bestmögliche Konzept auf den Weg gebracht. Als er noch selbst aktiv gewesen ist, da habe er auch schon mal ganz gerne „die Klappe aufgerissen“ und Kritik geäußert. Wenn er eins gelernt habe, in den vergangenen Monaten, dann die Tatsache, dass im Weltverband sehr professionell und mit großer Hingabe im Sinne der Sportler agiert werde. „Das sind doch alles hundertprozentige Badmintonliebhaber“, sagt er. Neben dem aus Dänemark stammenden BWF-Präsident Poul-Erik Høyer werden die Geschicke in Kuala Lumpur wesentlich auch von dessen Landsmann und Geschäftsführer Thomas Lund gelenkt, beides ehemalige Weltklasse-Athleten. Høyer war Olympiasieger im Herreneinzel, Lund Weltmeister im Mixed.

Zwiebler gibt zu, dass ihn die Mitarbeit sehr viel Arbeit und Zeit gekostet hat, fast schon zu viel. Er werde dementsprechend im Herbst auch nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren. Er hätte sehr gerne statt der Pandemiebewältigung die Belange der Athletenkommission vorangebracht. „Es macht Spaß, aber wir sind ja fast nur am Feuer löschen.“ Es werde für die Zukunft wichtig sein, noch mehr auf die Athletenkommission und deren Arbeit aufmerksam zu machen und diese noch besser zu integrieren, um den Interessen der Spieler noch mehr Gehör zu verschaffen. Es sei nicht ganz einfach, da voranzukommen. „Viele Spieler sind nicht so frei und sind stark von ihren nationalen Verbänden abhängig“, sagt Zwiebler. Zunächst einmal wurde ein Athleten-Newsletter installiert. Im Übrigen gehören der Athletenkommission auch Ville Lang, Pusarla V. Sindhu, Kirsty Gilmour und Peter Briggs an.

Marc Zwiebler gehört ferner auch noch zum Medien-Ausschuss der BWF. Insbesondere beim Ausbau der Social Media-Aktivitäten vom Weltverband und auch bei den Topspielern konnten große Fortschritte gemacht werden. Gerade in der Pandemie gab es zahlreiche Stars, die ihre Fans mit Fotos und Videos aus den Lockdown-Zeiten unterhielten. Damit aber noch nicht genug, ist Zwiebler auch noch Präsidiumsmitglied der Athleten Deutschland und im Aufsichtsrat der Deutschen Sporthilfe – also reichlich Ehrenamt, das viel Zeit kostet, die Jungunternehmer Marc Zwiebler eigentlich gar nicht hat.





Anzeige


Anzeige
Anzeige